“Einfach mal die Null wählen!”

Letzte Woche sagte mir Mari: “Ich muss mich mal informieren, wen ich wählen sollte.”
Man muss dazu sagen, dass die wenige Zeit die wir übrig haben wir nicht mit dem schauen nationaler TV Sender vergeuden, und somit nachrichtentechnisch ziemlich hinterm Berg sind was brasilianische Neuigkeiten betrifft.

“Man muss ja wissen welches kleinere Übel man wählen muss…”

Bei diesem Satz kam mir wieder das scheinbar undemokratische Gesetz der Wahlpflicht in den Sinn. In Brasilien ist ja bekanntermaßen Wahlpflicht. Jeder ab 18 Jahren muss wählen. Und zwar in seinem Wahlkreis. Das hat zur Folge, dass am Tag vor den Wahlen ganze Völkerwanderungen kreuz und quer durch Brasilien veranstaltet werden, da man lieber eine Reise alle vier Jahre in kauf nimmt, als sich der bürokratischen Tortur einer Wahlkreisverlegung zu unterziehen.

Was soll das denn für eine Demokratie sein, in der das Volk gezwungen wird? (Ja, es gibt Sanktionen für Wahlverweigerer.) Nun, man muss sich nur die Korruptionsbereitschaft der hiesigen Politiker anschauen, und schon wird einem klar, dass eine komplette Wahl zu kaufen nicht sehr abwegig ist. Dann ist eine Wahlpflicht schon fast 100% begründet.

Das eigentliche Problem ist, dass es anscheinend den wenigsten bewusst ist, dass es sich um eine Wahlpflicht und nicht um eine “Stimmabgabepflicht” handelt. Man muss seine Stimme keinem geben! Man kann einfach angeben, dass man niemanden wählen möchte. Und “einfach mal die Null wählen” kann auch eine Meinungsäußerung sein. Wenn man das kleinere Übel wählt, und das kleinere Übel am Ende gewinnt, hat man immernoch ein Übel am regieren. Und zu allem Übel denkt er noch er sei gewollt gewesen. (War er ja im Prinzip auch…)

Wenn jetzt aber jeder Wähler, der in den Kandidaten wirklich keinen findet, der seinen Vorstellungen auch nur entfernt entspricht, eine Nullstimme abgibt, ist sich die gewählte Regierung ihrer ‘Beliebtheit’ sicher nicht mehr so gewiss.

Wie bekommt man Stimmen als brasilianische Partei?
30% der Wähler haben keine Ahnung wen sie wählen sollen wenn sie an den Wahlcomputer treten. Sie bekommen die Auswahl an Kandidaten vorgesetzt, schauen sich die Gesichter an und dann fallen Entscheidungen wie: “Ja, den kenn ich, der hatte die tolle Musik in seiner Werbung.” Schnell zwei Ziffern getippt, bestätigt und dann nach Hause und für vier Jahre Ruhe haben. Und schon hat der mit der griffigsten TV Werbung gewonnen. Wer ist der mit der griffigsten TV Werbung? In der Regel der mit dem meisten Geld. Und woher hat er das Geld? Mit großer Wahrscheinlichkeit aus der Politik… Ein Teufelskreis…

Und so fahre ich seit Wochen an Fahnenschwenkern an jeder Kreuzung vorbei, und ignoriere sie mit dem gleichen befreienden Gefühl wie ich auch den Pamphlet-Verteiler abwimmel. Zum Glück muss ich nicht Wählen.

2 Kommentare zu ““Einfach mal die Null wählen!””

  1. Christian meinte:

    Hallo Christian,
    wenn ich mir die brasilianischen Politiker angucke, dann beschleicht mich das Gefuehl, die Militaerdiktatur war doch die bessere Option fuer Brasilien. Die ganze politische Klasse hier ist korrupt, und man muss schon gluecklich sein, wenn der lokale Politiker nicht auch noch zusaetzlich unfaehig ist.

    Gruesse aus dem Sueden der Insel

  2. Andi meinte:

    Das hat Onkel Willi auch immer gesagt